Forschung - Qualitätssicherung

Nachuntersuchung der Festhaltetherapie
am Dan Casriel Institut 1991 - 1998
Auswertung und Ergebnisdarstellung: Dipl. - Psych. Robert Mestel
Forschungsstelle - Psychosomatische Kliniken Bad Grönenbach
Von einer externen unabhängigen Forschungsstelle wurden die Fragebogendaten von 71 Per-sonen bzw. Familien ausgewertet, die sich vor durchschnittlich 2,7 Jahren in Festhaltetherapie am Dan Casriel Institut (DCI), geleitet von Dr. med. Ingo Gerstenberg, befunden hatten. Es handelte sich zumeist um Ein- oder Zwei- Kind Familien mit gehobenen Bildungsniveau (59% hatten Abitur), von denen 58% keine vorausgehenden Psychotherapieerfahrungen aufweisen. Etwa 50% der Teilnehmer waren in sozialen Berufen tätig. Bei etwa zwei Drittel der Familien bestanden Konflikte oder Störungen eines oder mehrerer Kinder, aber viele gaben auch Paarkonflikte als Beschwerden an. Die Behandlung in Festhaltetherapie wurde zumeist von mehreren Therapeuten durchgeführt und dauerte eine, selten zwei Wochen. Knapp ein Drittel nahmen auch nach diesen Workshops an weiteren Festhaltesitzungen, begleitet zumeist von Mitgliedern der Gesellschaft zur Förderung des Festhaltens, teil. Ferner befanden sich fast 50% der Teilnehmer in nachfolgender ambulanter Behandlung. Dadurch, daß die Kriterien für den Therapieerfolg sehr eng auf die spezifischen Ziele der Festhaltetherapie abgestimmt waren, liegt es nahe, daß auch ohne ein aufwendiges Kontrollgruppendesign die Ergebnisse maßgeblich auf die durchgeführte Festhalte-Behandlung zurückgeführt werden können.
Der Therapieerfolg wurde mit Hilfe von 25 Kriterien beurteilt. Pauschal gesehen hatten 41% sehr stark von der Behandlung profitiert, 53% etwas oder ziemlich und nur bei 4 Personen (6%) konnte überhaupt kein Erfolg festgestellt werden. Es zeigten sich starke Besserungen vor allem in den Bereichen, die den Anlaß zur Therapie darstellten, d.h. Verhaltensauffälligkeiten oder Be- ziehungsproblemen bei den Kindern, aber auch Paarkonflikte und andere Konflikte bei den Eltern. 56% gaben an, das die Besserungen bis zum Befragungszeitpunkt andauerten. Nur 1 - 4 Personen berichteten von starken Verschlechterungen in Einzel- bereichen. 74% praktizierten das Festhalten auch zu Hause vor allem mit den Kindern, hatten dabei jedoch nur mäßigen Erfolg. Die Häufigkeit gewalttätiger familiärer Auseinandersetzungen nahm im Schnitt recht deutlich ab und so gut wie jeder Teilnehmer (94%) empfahl die Festhaltetherapie am Dan Casriel Institut weiter. Personen ohne Vorbehandlungen und mit weiterer nachfolgender Festhaltetherapie schnitten besser ab. Kritisch ist vor allem anzumerken, das keine standardisierten, in der scientific community gebräuchlichen Instrumente verwendet wurden und das die Dokumentation der Katamnese Mängel aufwies.
Diese sehr günstigen Ergebnisse sind nur auf die Teilnehmer der Festhaltetherapie am Dan Casriel Institut zu verallgemeinern, die ähnliche Merkmale wie die Antworter dieser Nachuntersuchung aufwiesen.

0. Einleitung
Die Festhaltetherapie nach Jirina Prekop (z.B. 1990, "Hättest du mich festgehalten", Kösel Verlag) gilt als eine umstrittene Therapieform (z.B. Mai 1989, Debatte in "Psycholoie Heute"). In mehreren aktuellen Therapieführern taucht der Vorwurf der "schwarzen Pädagogik" auf (Goldner, 1997, Therapien zwischen Seriosität und Scharlatanerie; Köthke, Rückert & Sinram, 1999, Psychotherapie? Psychoszene auf dem Prüfstand). Dagegen stehen zahlreiche Einzelfallberichte und die positiven Erfahrungen von Praktikern der Festhaltetherapie (siehe z.B. Tagungsband des 1. Internationalen Kongresses 'Festhalten' in Regensburg, 1989, Gesellschaft zur Förderung des Festhaltens). Nach Kenntnis des Autors liegt keine kontrollierte Studie zur Wirksamkeit der Festhaltetherapie vor, jedoch eine empirische gruppenstatistische Evaluationsuntersuchung von Falk Burchard (1989, Tagungsband, S. 310 - 330). Dabei ergaben sich in zwei Stichproben (47 und 88 Familien) von Kindern mit "autistischen" und "omnipotenten" (Beurteilung nach Prekop) Störungen Besserungen während der Festhaltetherapie in den Bereichen "allgemeine Schwierigkeit des Kindes im Umgang", "Irritabilität / Impulsivität" und "Stimmungen" (Fröhlichkeit, Reizbarkeit, Depressivität etc.). Die Einschätzungen wurden nur von den Eltern, nicht von unabhängigen Personen vorgenommen und die positiven Effekte wurden nach ca. 25 - 50% der Zeitdauer des Beobachtungsintervalls (15 bzw. 27 Monate) erreicht und blieben dann auf einem ähnlichen Niveau stabil. Es wurde keine Katamnese durchgeführt aber die Ergebnisse waren trotzdem v. a. bei "omnipotenten" Kindern ermutigend.
Ziel der vorliegenden Arbeit war es, die mittel- und langfristigen Erfolge nach einem oder zwei Festhaltetherapie - Workshops am Dan Casriel Institut zu untersuchen. Ferner sollte geklärt werden, welche Gruppen von Personen mehr von den Workshops profitieren als andere und welche Indikatoren den höchsten Vorhersagewert besitzen würden.

1. Beschreibung der Stichprobe [1;2;3]
Im Oktober 1998 wurden 141 Personen vom Dan Casriel Institut (DCI) angeschrieben, die an mindestens einem jeweils einwöchigen Seminar zur Festhaltetherapie am Dan Casriel Institut teilge- nommen hatten. 83 Familien (59%) beantworteten den von Dr. Ingo Gerstenberg selbst entwickelten dreiseitigen Katamnesefragebogen [4]. Unterschiede zwischen den katamnes-tischen Antworten und Nicht - Antworten konnten aufgrund von Dokumentationsmängel nicht berechnet werden. Somit bleibt es bis zu einem gewissen Umfang unklar, welche Teilgruppen von Teilnehmern häufiger zurückgeschrieben hat. Es wird darauf hingewiesen, daß bei den Nicht - Antworten im Suchtbereich, aber auch in der Psychosomatik von einem höheren Anteil von "unveränderten" bzw. "ver- schlechterten" Personen ausgegangen werden muß. Von diesen 83 Personen konnten bis Februar 1999 71 Fragebogen ausgewertet werden [5]. Diese Auswertung bildet die Grundlage dieses Berichtes. 60 Familien (84,5%) hatten an einem Workshop und 11 (15,5%) an zwei Festhalte - Workshops teilgenommen. Der Zeitraum seit der Teilnahme am ersten Workshop betrug im Schnitt 2.7 Jahre [6], der durchschnittliche Katamnesezeitraum bezogen auf den zweiten Workshop (11 Personen) betrug 3.3 Jahre.

1.1. Teilnehmer
Von den teilnehmenden Eltern hatten 32 (45,1%) Hoch- schulabschluß, 10 (14,1%) Abitur, 17 (23,9%) Realschule und nur 12 (16,9%) Hauptschulabschluß. Die Stichprobe besaß folglich mit anderen klinischen Vergleichsgruppen ein hohes Bildungsniveau. Von den 71 Personen waren 32,4% als Sozial - Pädagogen, Ärzte oder Erzieher tätig, 17% in Pflegeberufen, 17% in technischen Berufen, 10% Sekretärinnen, 8% Lehrer, 7% als Hausfrauen, 7% in kaufmännischen Berufen und 1%in sonstigen Berufen.
Zu 99% nahmen die Mütter an der Festhaltetherapie teil und zu 76% die Väter. Etwa ein Drittel der Teilnehmer bestand aus Familien (Mutter und / oder Vater) mit einem Kind (32,9%; N=23), 50% (N=35)aus "Zwei - Kind - Familien", 14,3% (N=10) aus Familien mit drei Kindern und 2,9% aus "Vier - Kind - Familien".
1.2. Vortherapien
Sieben Personen (10%) hatten 3 Vortherapien, 4 (5%) zwei Vortherapien, 19 (27%) eine Vortherapie und 41 (58%) keine Vortherapie. Die Vortherapien im Schnitt mit Note 4 ("ausreichend", Schulnotenbewertung: 1 = sehr gut, 6 = ungenügend) beurteilt.

Interpretation: Diese Beurteilung kann im Vergleich zur üblichen Bewertung von Psychotherapien (eine kleine Minderheit stuft die Ergebnisse als schlecht ein) als sehr negativ eingestuft werden, da ferner immerhin fast die Hälfte (48%) der Personen , die Vorbehand-lungen angaben, diese als mangelhaft oder ungenügend (Note 5 bzw. 6) einstuften. Es liegt nahe anzunehmen, das die mangelnde Zufriedenheit mit den anderen Methoden / Vortherapien zur Teilnahme der Festhalte - Therapien geführt hat, die manchmal vielleicht als "letzter rettender Strohhalm" gesehen wurde. Unbekannt ist jedoch, wie vielen Familien die übrigen Therapieangebote soweit geholfen haben, das sie eben keine Festhalte - Therapie mehr in Betracht gezogen haben (sofern ihnen diese Therapieform bekannt war. Unbekannt ist auch, inwiefern die Personen, die letztlich an den Festhalte - Workshops teilnahmen vergleichbar sind mit denen, die bei ähnlichen Problemen nicht teilnahmen. Hiermit wird die grundlegende Einschränkung der Interpretierbarkeit aller hier dargestellten Ergebnisse deutlich: Wie repräsentativ ist die hier vorliegende Stichprobe für andere Personen mit diesen Störungen / Problemen für das Dan Casriel Institut oder auch für andere Einrichtungen?

Es muß jedoch hervorgehoben werden, daß die überwiegende Mehrheit (58%) eben keine Vortherapieerfahrung hatte.

1.3. Problembereiche, die zur Teilnahme führten
Tabelle 1: Anzahl an ICD - 10 Diagnosen für Teilnehmer von Festhalteworkshops am Dan Casriel Institut [7] von 1992 - 1998.

Tabelle anzeigen (PDF)




1 Aus Gründen der Lesbarkeit wird im vorliegenden Bericht nur die männliche Form verwendet, womit stets auch Frauen gemeint sind.
2 Im Bericht wird die deskriptive Darstellung der Befunde stets von der Interpretation durch den Autor getrennt wie es bei wissenschaftlichen Berichten üblich ist. Die Interpretation folgt hier jedoch unmittelbar der Beschreibung und wird nicht in einem gesonderten Abschnitt dargestellt.
3 Die statistische Auswertung wurde mit Rechenprogramm SAS for Windows 6.0 durchgeführt. Der Schwerpunkt lag auf deskriptiver Statistik, es kamen fast nur nonparametrische Testverfahren zur Anwendung.
4 Der Fragebogen kann auf Anfrage beim Dan Casriel Institut angefordert bzw. eingesehen werden.
5 Es wurde nach dem"Cut - Off Termin für die Untersuchung" weitere 12 Fragebogen zurückgeschickt, die jedoch nicht mehr in die Auswertung aufgenommen werden konnten. Nach sorgfältiger Betrachtung der Ergebnisse der 12 Personen ergaben sich keine Besonderheiten in ihrem Antwortverhalten im Vergleich zu den übrigen 71 Personen. Allerdings waren zwei von Ihnen (17%) wenig mit der Festhaltetherapie zufrieden im Gegensatz zu nur 5,6% bei der Gesamtgruppe.
6 68% lagen zwischen 9 Monaten und 4,6 Jahren, Minimum: 2 Monate, Maximum: 8 Jahre; Angaben von 70 Personen; 16% (N=11) hatten ein Katamneseintervall < ein Jahr.
7 Hier werden alle von der ärztlichen Leitung des DCI vergebenen Diagnose aller bisher am DCI durchgeführten Festhaltetherapien (1992 - 1998) dargestellt. Von den 141 diagnostizierten Personen (zumeist Kinder, aber auch die Eltern) werden in diesen Bericht die Ergebnisse von 71 Familien dargestellt. Aufgrung von Dokumentationsmängeln konnten nicht festgestellt werden, welche genauen Diagnosen die hier untersuchte Unterstichprobe aufweist. Nach Auskunft von Dr. Gerstenberg ist jedoch davon auszugehen, daß die hier anlaysierten Personen sich kaum von den übrigen unterscheiden.
   
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