Über Ingo Gerstenberg und seine Zeit... von Adelheid Gersteberg
Mein Mann, Dr. Ingo Gerstenberg, der dieses Institut zwanzig Jahre lang mit großer Hingabe, fachlicher Kompetenz,
Herzens- wärme und tiefem Verständnis für die Menschen klug und verantwortungs- bewußt
geleitet hat, ist am 3.März 2004 gestorben. In Erinnerung an ihn erschien im Spätherbst 2004
im emuverlag* ein kleines Buch, in dem der Buchautor und Psychotherapeut
Mathias Jung Briefe von Freunden, Kollegen und Klienten gesammelt hat.
Ich danke allen, die dabei mitgeholfen haben! Auch für alle, die Ingo nicht mehr kennenlernen konnten, entsteht
im Spiegel der sehr persönlichen Geschichten und Reaktionen ein farbiger Ein- druck, wer er war und wie er
diesen Ort "Hirsenmühle" prägte.
Dr. med. Ingo Gersteberg
Gründer des DCI
Immer wieder werde ich gefragt, warum Ingo sich mit Leib und Seele
engagiert hat hier an diesem Ort "Hirsenmühle" für die Gesundheit und das Leben anderer Menschen.
Letztlich weiß es niemand. Aber etwas, was ihn zusammen mit vielen seiner Generation der noch
im Krieg oder am Ende des Krieges Geborenen angetrieben hat, war die Frage, was "Auschwitz" möglich gemacht
hat.
Der Krieg und seine Folgen haben Ingo geprägt: die Flucht von Westpreußen über die
"grüne Grenze" nach Frankfurt am Main, die Kinderjahre mit Mutter, Großmutter, Großtante und dem
Bruder ohne den Vater, der im Februar 1945 vor Berlin gefallen ist, die "vaterlose Gesellschaft", starke Frauen,
die hart arbeiteten, um den Kindern auch ohne Vater eine gute Ausbildung zu ermöglichen, Aufenthalte in Heimen und
Internaten, schließlich die 68iger Jahre in Heidelberg. Eine Zeit der Proteste gegen den Vietnamkrieg, gegen die
Notstandsgesetzgebung, gegen ehrwürdige Professoren und verdiente Politiker, die sich als Altnazis entpuppten, gegen
die Verdrängung der Gräuel der Nazizeit durch Wirtschaftswunder, Konsum, Wiederbewaffnung, gegen ungebrochene braune
Seilschaften über 1945 hinweg.
Das Mißtrauen gegenüber Eltern, Lehrern, Vorgesetzten, die von allem nichts wussten oder
es nicht so genau wissen wollten, ihr Schweigen, führtn zum Aufdeckenwollen, zur lauten und ausdruckssüchtigen
Solidarisierung mit Gleichgesinnten auf der Straße, in Seminaren, auf Demonstrationen und in Gruppen: Politgruppen,
Projektgruppen, Selbsthilfegruppen , Psychogruppen, Graswurzel- Gruppen wuchsen aus dem Boden. Es wurde tage- und nächtelang
geredet, gehockt, diskutiert, politisiert und therapiert.
Ingo und Adelheid Gersteberg
Der Frankfurter Philosoph Theodor W. Adorno gab dieser Bewegung in seinem Aufsatz "Erziehung nach Auschwitz"
(1969) ein politisches und pädagogisches Programm, das auch Ingo geprägt hat, ebenso wie Erich Fromm, "Haben
oder Sein", in dem er immer wieder gelesen hat, oder Alexander Sutherland Neill, "Theorie und Praxis der
antiautoritären Erziehung. Das Beispiel Summerhill", ein Buch, das Ingo begeisterte und in dem er erste Impulse
für eine Art Lebensschule auf der Basis von Gewaltfreiheit, Interesse am Leben und wechselseitiger Achtung bekam.
Wir wünschten uns die Welt leidenschaftlich anders, menschen- würdiger, ehrlicher, gewaltfrei, lustvoller,
zärtlicher. Wir wollten achtsamer sein mit uns selbst und der Natur, gerechter in der Verteilung von Chancen und
Gütern. Wir lehnten es ab, das Grauen und das Elend der Welt, sei es am Hauptbahnhof nebenan, sei es in der Dritten
Welt, durch "edles existentielles Gerede" (Adorno) zu übertünchen.
Nie wieder Krieg ,nie wieder Auschwitz! Dafür wollten wir uns und die Gesellschaft verändern.
Statt Selbstentfremdung forderten wir Selbstbestimmung und Emanzipation aus jeder Form von Abhängigkeit durch
Mitspracherechte in Institutionen, durch das Beenden menschenunwürdiger Behandlung von Psychiatrie- patienten, Häftlingen,
Drogenabhängigen und Außenseitern aller Art! Aus passiven Patienten und Opfern sollten mündige, ihr Leben und ihre
Gesundheit selbst in die Hand nehmende Menschen werden.
Diesen neuen Geist fand Ingo nach seinem Examen in der Heidelberger Free Clinic wieder, einer medizinisch
psychosozialen Ambulanz, in der junge Menschen mit Drogenproblemen nicht nur kostenlos medizinisch versorgt wurden, sondern auch
psychische Stabilität und soziale Kompetenz entwickeln konnten, auf Augenhöhe mit Ärzten und Therapeuten und
Fachleuten, demo- kratisch und kreativ. Später arbeitete Ingo in der Klinik Bad Herrenalb, wo Walther Lechler das Modell
einer "Therapeutischen Gemeinschaft" entwickelte, in der die "Gäste" in eigenverantwort- licher Zusammenarbeit
mit den Therapeuten, in offener Begegnung, in Konfrontation, in erfrischend direkter emotionaler und körper- licher Nähe
("Bonding"!) ihre Krise als Chance zur Veränderung erfahren konnten.
In den achtziger Jahren engagierte sich Ingo in der Friedensbewegung gegen die Stationierung von
Mittelsteckenraketen gegen die damalige UDSSR, in Demonstra- tionen in Mutlangen und Bonn, in öffen- tlichen Diskussionen
(mit dem Kernkraft- gegner Robert Jungk) und in "Dy In's", in denen Ärzte über die Folgen atomarer
Aufrüstung informierten (Bundesweite Ini- tiative "Ärzte warnen vor dem Atomkrieg"), nach dem Motto,
"Die Überlebenden werden die Toten beneiden!"
Durch unseren Umzug nach Hadamar wurden wir wieder konfrontiert mit der Realität der Naziverbrechen
durch den tausendfachen Mord an geistig- und körperlich behinderten Menschen in der psychiatrischen Anstalt der Stadt
während des Krieges durch Ärzte und das Pflegepersonal .Es waren ganz normale anständige Bürger, die
hilflose, treuherzige, ahnungslose, geängs-tigte Menschen ins Gas schickten oder die Giftspritze verabreichten. In den
80er Jahren wurde an diesem Ort eine Gedenkstätte errichtet.
Wenn man versteht, dass die Wurzeln von Auschwitz nicht nur, aber auch in der Persönlichkeit
der Täter zu finden sind, in dem von Angst durchdrungenen autoritären Charakter, der ohne Mitgefühl für
sich und andere seinen Selbsthaß und seine heillose Angst verleugnet, betäubt, bagatellisiert oder nach außen
entlädt, ist die Antwort darauf die Wendung zum Menschen. Ingo begriff seine psychotherapeutische Arbeit vor diesem
Hintergrund immer als Friedensarbeit.
Wie viele andere seiner Generation, die mit Wachheit und Sensibilität die Folgen des Krieges,
von physischer und psychischer Gewalt, erlebt und wahrgenommen haben, arbeitete Ingo dafür, Gefühllosigkeit in
Mitgefühl umzuwandeln. Er wollte den Schmerz, die Angst, den Zorn aber auch die Freude fühlen, ohne die das Leben
erkaltet. Er wollte mit Menschen daran arbeiten, beziehungsfähig zu werden, Mut zu haben, sich den Konflikten zu stellen,
seine Wahrheit zu sagen und dennoch ansprechbar zu bleiben für die andere Meinung, den Widerspruch. Er konnte die Arbeit
am inneren Frieden nicht trennen von der Teilnahme an dem, was um uns herum geschieht.
Insofern hat Ingo mit seinem Leben seine Antwort gegeben auf seine Zeit, eine Zeit nach dem Krieg. Krieg
ist immer noch. Nicht nur in Afrika und im Iraq, auch hier bei uns, man muß nur hinschauen wollen. Jede und jeder an seinem Ort.

*Adelheid Gerstenberg u. Mathias Jung (Hrsg.) "Alles blüht um mich her" Erinnerungen
an Ingo Gerstenberg; Taschenbuch ca. 200 Seiten € 10, zu bezie- hen über emuverlag >www.emu-verlag.de< oder Tel:
02621 917010 und über die Hirsenmühle.